Das 300 Millionen Ding – Der Fall Lettmüller

Das 300 Millionen Ding – Der Fall Lettmüller

T. Wiednitzer – Printausgabe vom 05.03.1989 – Krone |


In Schweden, wo er seine Pferde kaufte, glaubte man, er sei der reichste Österreicher. In Österreich lief das Gerücht, er habe in Schweden hundert Millionen angelegt. Die Wahrheit ist noch viel aufregender: Der Buchhalter Franz Lettmüller ist der größte Unterschlagungskünstler, der in der Zweiten Republik aufgeflogen ist! Mit mindestens dreihundert Millionen Schilling ergaunerte er die größte Summe, die in unserem Land je auf diese Weise von einem einzelnen beiseite geschafft werden konnte. Und in einem beispiellosen Verschwendungsrausch verpraßte er dieses kaum vorstellbare Vermögen mit Frauen und Freunden.

Der Mann, der am 23. Dezember 1988, einen Tag vor Weihnachten, in erster Instanz zu acht Jahren Gefängnis verurteilt wurde, hatte ein perfektes Doppelleben geführt. In seiner Firma Europapier, dem größten Papiergroßhandelsunternehmen Österreichs, galt der unauffällige, dicke, schwitzende und ärmelschonerverdächtige Chef der Finanzbuchhaltung Franz Lettmüller als hervorragender, bienenfleißiger und zuverlässiger Angestellter. Wie tüchtig er wirklich war, ahnte niemand. Zehn Jahre lang durchschaute niemand seine Tricks, kam kein Verdacht auf. Als die Bombe platzte, stand das Unternehmen mit seinen 240 Beschäftigten vor dem Ruin und konnte nur durch eine gewagte, mühsame Sanierungsaktion gerettet werden. Der Herr Prokurist, die Verläßlichkeit in Person, beantragte noch im Herbst 1986, ein halbes Jahr vor seiner Verhaftung, bei seiner Firma einen Dienstwagen. Zu dieser Zeit hatte er die Europapier schon um mehr als 200 Millionen Schilling geschädigt und besaß eine Flotte luxuriösester Autos!

Kaum aber hatte er sein Büro verlassen, ging eine erstaunliche Wandlung mit ihm vor. Aus dem gewichtigen, aber unauffälligen Angestellten mit rund 30.000 Schilling Gehalt wurde ein Prasser, dessen Verschwendungsexzesse alles bisher Dagewesene in den Schatten stellen.

Seine große Liebe Irene Bogyi, eine frühere Kollegin von ihm, überschüttete er mit Luxus und Geschenken wie eine Königin. Mit seinem Geld plünderte sie regelrecht Boutiquen in Wien und Umgebung, das Teuerste war ihr gerade gut genug. Allein in einem einzigen Wiener Nobelgeschäft in der Kärntner Straße ließ die teure Freundin Jahr für Jahr eine Million Schilling, insgesamt waren es rund fünf Millionen. Die erlesensten Kleider trug sie nur einmal, dann verschenkte sie sie. Pelzmäntel und -jacken bekam sie um fast drei Millionen Schilling, für Schmuck wurden zwischen zehn und zwanzig Millionen Schilling ausgegeben. Parfums und Kosmetika ließ sie sich – besser, ihren Freund – eine Million kosten. Lud sie ihr Franz zu einem Wochenendtrip nach Paris oder Rom ein, so wurde dafür ein nach feinem Leder duftender Lear Jet gemietet, an jedem dieser Wochenendausflüge wurden zwischen zwei und vier Millionen Schilling für Flug, Unterkunft und Einkäufe ausgegeben. Irene Bogyi war er hörig, mit einer anderen verheiratet.

Seine Ehefrau, die frühere Staatsmeisterin im Amateurtrabfahren, bekam genauso ihren Anteil an dem phantastischen Reichtum wie eine Nachtklubtänzerin, die Lettmüller mit rund zwanzig Millionen zur wohl reichsten Frau in ihrem Gewerbe machte.

Wer zu Lettmüllers Freunden zählte, der hatte ausgesorgt. Ein Abendessen für sechs Personen in einem Spitzenrestaurant in Perchtoldsdorf wurde mit einer Rechnung von 91.000 Schilling quittiert – manche Familie muß damit ein ganzes Jahr lang auskommen. „Römischere Feste kann man nicht mehr feiern“, kommentierte der Staatsanwalt Lettmüllers kostspielige Orgien, denen nur noch physische Grenzen gesetzt waren.

Der Mäzen, dem das Geld in dicken Tausenderbündeln aus den Taschen quoll, leistete sich mit dem gestohlenen Geld einen der größten Pferderennställe Europas, unter seinen mehr als fünfzig rassigen Trabern war auch „Lucky Joe“, der österreichische Derbysieger von 1987.

Das farbenprächtige Verschwendungsfeuerwerk, die unglaubliche Vermögensvernichtung, die Lettmüller veranstaltete wurde aber überhaupt erst möglich durch die genialen Tricks, mit denen der Buchhalter die Firma Europapier ausräumte. Sackweise hob er mehrmals im Monat bei einer Bankfiliale die Millionen der Europapier ab und noch heute rätseln Wirtschaftsprüfer und Finanzkontrollore, wieso Lettmüller so lange unentdeckt blieb. Wie ist so etwas wirklich möglich?

Zweimal prüften die erfahrenen Beamten des Finanzamtes die Europapier und bemerkten nichts, obwohl Lettmüller das Finanzamt um -zig Millionen schädigte. Jährlich wurde die Europapier von Wirtschaftsprüfern geprüft – nichts fiel ihnen auf! Einer der renommiertesten Prüfungsspezialisten. Österreichs meint, daß „dieser Mann in jedem österreichischen Unternehmen hätte unterschlagen können“, und der Staatsanwalt zeigte sich beeindruckt: „Abseits ethischer Erwägungen muß man von einer imponierenden Leistung sprechen“. Hätte sich Lettmüller mit hundert Millionen begnügt, so die einhellige Meinung, er wäre überhaupt nie aufgeflogen! Wie viele Lettmüllers sitzen noch unerkannt und unentdeckt in heimischen Unternehmen?

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