Wenn Eltern ihre Kinder entführen

Wenn Eltern ihre Kinder entführen

Martina PREWEIN – Printausgabe vom 09.12.1997 – Kurier |


„Die Fälle Damböck & Co.“: Im KURIER erzählen Betroffene von den schlimmsten Stunden ihres Lebens und der Angst, die immer bleibt

Die Mutter ist in Untersuchungshaft, die drei Kinder sind beim Vater. Doch der letzte Akt im „Familiendrama Damböck“ steht noch bevor – wenn die Frau entlassen wird. Dann wird der Rosen­ krieg von neuem beginnen.

Denn Gerda Damböck kann und will sich nicht damit abfinden, daß ihr Mann das Sorgerecht für Isabella, Ursula und Astrid hat. Im Frühsommer flüchtete sie mit den Mädchen nach Spanien, im September tauchte sie einige Tage mit ihrer ältesten Tochter unter. Im Oktober verschwand sie für fast zwei Wochen mit ihrem jüngsten Kind. Und Gerhard Damböck fürchtet, daß „das das alles nicht aufhört“: „Es ist unmöglich, die Mädchen rund um die Uhr zu bewachen. Wenn meine Ex-Frau in Freiheit kommt, werde ich in ständiger Furcht leben müssen.“

Auch Karin Umole sagt, daß sie „diese schreckliche Angst nie verlieren“ wird können. Vor eineinhalb Jahren hat ihr Ex-Mann die gemeinsame Tochter entführt.

Detektiv Walter Pöchhacker: Nach einer Rückholaktion in Ägypten wurde er dort zu 10 Jahren Haft verurteilt

„Zehn Tage habe ich nicht gewußt, wo Jessica ist. Und nie werde ich diese Zeit vergessen. Das Warten, die Verzweiflung – die Ungewißheit, ob ich mein Kind jemals wiedersehe.“
„Niemals“, sagt die Krankenschwester „hätte ich davor gedacht, daß mir so etwas geschehen kann.“ Und darum war die Frau auch „völlig unbekümmert“, als sie im Juni 1996 ihr Mann (mit dem sie damals schon in Scheidung lebte) fragte, ob er Jessica vom Kindergarten abholen und mit einkaufen gehen dürfe: „Wir verabredeten, daß Alex die Kleine am frühen Abend zu mir nach Hause bringen sollte.“
Doch das geschah nicht: „Um 18 Uhr wurde ich unruhig, ich versuchte, meinen Mann über sein Handy zu erreichen. Aber es war abgeschalten. Da kam mir ein erster, schlimmer Verdacht. Alex hatte ja keinen Job mehr und lebte jetzt bei irgendeinem Freund, von dem ich nicht einmal die Adresse kannte. Und ich wußte ja außerdem, daß er vorhatte, nach Texas auszuwandern.“

Kurz nach 20 Uhr kam dann der Anruf: „Mein Mann meinte, ich solle aufhören, auf Jessica zu warten. Weil er sie behalten würde. Ich begann hysterisch zu schreien, fragte, wo er wäre. Er legte den Hörer auf.“ Karin Umole erstattete Anzeige: „Aber die Polizisten behaupteten, sie könnten nicht viel unternehmen. Weil ich von meinem Mann noch nicht geschieden war – und wir so beide das Sorgerecht hätten.“

Trotzdem kam der Name des Mädchens in den Fahndungscomputer: „Und das war mein großes Glück. Denn Alex versuchte, mit Jessica ins Ausland zu flüchten. Am Flughafen Schwechat wurde das verhindert – aber er konnte ohne weitere Fragen wieder mit meiner Tochter untertauchen.“ Als das Kind jedenfalls fünf Tage verschwunden war, sah die Frau keine andere Möglichkeit mehr, als eine Detektivagentur einzuschalten.

„Nach etwa 50 Stunden Recherche hatten wir herausgefunden, daß der Mann das Mädchen auf einem Bauernhof in Niederösterreich versteckt hatte“, so Detektiv Walter Pöchhacker. In einer „Frühmorgenaktion“ (um 6 Uhr früh) wurde Jessica mit Hilfe von Gendarmerie und Jugendamt befreit.

„Stundenlang habe ich Jessica in den Armen gehalten und geweint“, sagt Karin Umole: „Ich konnte sie einfach nicht mehr loslassen.“ Und selbst jetzt noch, nachdem sich ihr Mann längst in die USA abgesetzt hat, hat sie Verlustängste um ihr Kind: „Denn manchmal spricht er auf meinen Anrufbeantworter und beteuert, daß er Sehnsucht nach der Kleinen hat. Da wird mir immer bewußt: Ich werde mich nie mehr sicher fühlen.“

Bei einer Oberösterreicherin ist die Furcht, ihr Ex­ Mann könne ihre gemeinsame Tochter nochmals entführen, so groß, daß sie ihren Namen geändert und an einen anderen Ort umgezogen ist. Sie war mit einem Ägypter verheiratet gewesen, 1988 bekam das Paar eine Tochter. Doch vier Jahre später begann es in der Ehe zu kriseln, schließlich wurde sie geschieden. Das Sorgerecht wurde der Mutter übertragen. Da faßte der Mann den Fluchtplan. Als er an einem Nachmittag im Oktober 1993 seine Tochter (offiziell) zum „Spazierengehen“ abholte – waren die Flugtickets nach Kairo gebucht. Und seine Eltern warteten schon auf ihn und das Enkelkind – das ab nun für immer in Ägypten bleiben sollte.

Die Mutter durfte es zwar dort besuchen-aber sie hatte keine Chance, die Kleine wieder nach Österreich mitzunehmen. Bei ihrer Ankunft wurden ihr jedesmal die Dokumente abgenommen: „Und ich bin rund um die Uhr von der Familie meines Mannes bewacht worden.“ Die Rückholaktion der Kleinen gelang dann auch nur mit Hilfe der Detektei. „Wir haben Paßduplikate besorgen, Kontaktleute organisieren, Fluchtautos und einen Privatjet chartern müssen. Anders wäre die Flucht unmöglich gewesen“, so Walter Pöchhacker.

Seine Agentur gilt als „Anlaufstelle“ für verzweifelte Mütter und Väter, deren Kinder entführt worden sind. „Aber wir nehmen nicht alle Fälle an. Grundvoraussetzung für die Durchführung einer Aktion ist: Wir müssen davon überzeugt sein, daß sie auch wirklich im Interesse des Kindes liegt“, sagt der Detektiv: „Außerdem sollte – auch bei Kalkulation aller möglichen Komplikationen – die Rückholung eine realistische Chance auf Erfolg haben. Die Sicherheit aller daran Beteiligten muß einfach gewährleistet sein.“

Aber Pöchhacker weiß, daß Gefahren nicht immer vorhersehbar sind. Wegen der Aktion in Ägypten wurde er (in Abwesenheit) dort zu zehn Jahren Haft verurteilt, nach einer Rückholung aus Tunesien saßen zwei seiner Mitarbeiter sieben Monate in Tabarka im Gefängnis.

Top
JETZT ANRUFEN