Kollege-Langfinger

Kollege-Langfinger

Alwin SCHÖNBERGER – Printausgabe vom 01.06.1998 – Trend |


Sie klauen systematisch alles, vom einzelnen CD-Player bis zu fünf Tonnen Frischfleisch: Ladendiebstahl durch die eigenen Mitarbeiter ist eine Sonderform organisierter Kriminalität. Österreichs Einzelhandel verliert jährlich Sechs Milliarden.

Die beiden Männer pflügen sich durch das Menschengewühl in der Wiener Kärntner Straße, gehen zielstrebig auf das Geschäftsportal des Schuh­ und Modehauses Bally zu.

Die verdächtige Person, klein, untersetzt und dunkelhaarig, ist soeben im Begriff, die Firma zu verlassen. Die Herren versperren der Frau den Weg, halten ihr Ausweise unter die Nase und ersuchen sie leise, höflich und sehr bestimmt, sie zurück ins Geschäft zu begleiten.

Geheime Kameras. Sie kann noch nicht wissen, daß Pöchhackers Männer, engagiert wegen auffälligen Waren- und Geldschwundes, versteckte Kameras in der Bally-Filiale installiert hatten. Die winzigen Videogeräte – verborgen etwa in einem Strauß Strohblumen – hatten die Putzfrau beim Entleeren von Brieftaschen im Umkleideraum der Bally-Angestellten gefilmt. Geschehen beispielsweise am 19. März 1998 um 9 Uhr 39 und 50 Sekunden, als sie Geldscheine aus einer eindeutig fremden Geldbörse in ihre rechte Hosentasche beförderte.

Verhängnisvoll für die Verdächtige zudem, daß die Detektive das Bargeld des Personals zuvor mit speziellem Pulver präpariert hatten, das nur unter UV-Licht sichtbar wird. Als die Ermittler die Frau nun um Taschenentleerung bitten und einige ihrer Geldscheine unter einer kleinen UV-Lampe grellgelb aufleuchten, gesteht die Frau: den Diebstahl einer Lederjacke, braun, um 7900 Schilling, eines Kostüms, grau, um 8000 Schilling, eines Gürtels, schwarz, um 1200 Schilling und das Entwenden größerer Bargeldmengen.

Bei der folgenden Hausdurchsuchung durch die Kripo werden Gegenstände im Wert von gut 60.000 Schilling sichergestellt. Hinzu kommt eine nur noch schwer rekonstruierbare Summe entwendeten Geldes. Gerade sieben Wochen hatte der Beutezug der Reinigungskraft gedauert.

„Einen Fall in dieser Größenordnung haben wir noch nie gehabt“, ist Michael Litschauer, Verkaufsleiter bei Bally, perplex. Die mittlerweile angezeigte und fristlos entlassene Frau habe so viel geklaut, wie sonst die gesamte Inventurdifferenz betrage – jene Fehlsumme, die aus Lebensmittel-, Mode- oder Elektrogeschäften zwar spurlos verschwundene, jedoch von der Kundschaft nicht bezahlte Waren betrifft und die zwischen 0,5 und drei Prozent des Einzelhandelsumsatzes ausmacht.

Beklaute Chefs. Während allerdings meist zahlungsfaule Kunden dafür verantwortlich gemacht werden, daß Österreichs Geschäften etwa 1977 Artikel im Wert von satten sechs Milliarden Schilling abhanden kamen, sind es in Wirklichkeit zu einem gut Teil die Mitarbeiter selbst, die ihre Chefs beklauen. „Jeder im Betrieb kennt die Sicherheitsvorkehrungen“ sagt Walter Pöchhacker, „und daher auch alle Schwachstellen.“ So erhob das Kölner Eurohandelsinstitut, daß gerade zu 35 Prozent konventionelle Ladendiebe an den Inventurdifferenzen schuld sind, zu 43 Prozent aber Angestellte und Lieferanten.

An die 150 solche Fälle bearbeitet alleine Pöchhacker pro Jahr. Etwa zehn versteckte Kameras hat er gleichzeitig im Einsatz, zwei bis drei seiner Mitarbeiter sind ständig damit beschäftigt, Videobänder auszuwerten. „Es gibt kaum einen Betrieb, der nicht betroffen ist“, weiß auch Peter Jedelsky vom Wiener Kriminalpolizeilichen Beratungsdienst (KBD).

So berichtet Stefan Höffinger, Pressesprecher der Julius Meinl AG, daß „wir zumindest hie und da schwarze Schafe finden“. „Vier Mitarbeiter“, liest Johann Häuslinger, Verkaufsleiter bei Saturn, aus den internen Statistiken, „haben wir in einem einzigen Jahr ertappt.“ Die Dunkelziffer liege aber wohl bei rund 30 Prozent.

Organisierte Banden. „Geklaut wird alles bis zum Satelliten-Navigationssystem“, sagt Jedelsky. Aber auch Kleinkram läppert sich: Ermittler des Wiener Sicherheitsbüros überführten ORF-Angestellte des Diebstahls von Elektrosteckern, Stromkabeln und allerlei Installationsmaterial. Hausdurchsuchungen ergaben später, daß die Langfinger ganze Häuser ausschließlich mit ORF-Material ausgestattet hatten.

„Die Täter reichen vom Lehrling“, so Häuslinger, „der zwecks Imageaufmöbelung im Freundeskreis einen Mini-CD­Player stiehlt“, über die Angestellte, die – wie ein Prozeß Ende März 1998 zeigte – aus blinder Liebe zu ihrem geldgierigen Lebensgefährten 1,3 Millionen Schilling aus der Firmenkassa abzweigt, bis hin zu organisierten Banden. In einem Molkereibetrieb machten rund 35 Lagerarbeiter und Lieferanten gemeinsame Sache. Einige von ihnen funktionierten ihre Privatwohnungen gar zu provisorischen Verkaufslokalen um und verhökerten dort das Diebesgut.

„Je größer der Schaden“, beschreibt Werner Kojan, Experte für Ladendiebstähle beim Wiener Wirtschaftsförderungsinstitut (Wifi), eine Faustregel, „desto wahrscheinlicher, daß Mitarbeiter am Werk sind.“ Während die meisten der jährlich rund 25.000 ausgeforschten Ladendiebe kaum mehr als ein paar Lippenstifte oder Schokoriegel klauen, handelt es sich beim Personaldiebstahl oft um echte organisierte Kriminalität.

Ein in eine Döblinger Elektro- und Sanitärfirma eingeschleuster Detektiv deckte auf, daß 37 Mitarbeiter des Betriebes in großem Stil Materialien – vom Wasserhahn bis zur kompletten Therme – stahlen und über ein Hehlernetz vertrieben. Die Klaubrigade ging hochprofessionell vor: Wenn eine Lieferung zuzustellen war, wurde die Ware zuerst ordnungsgemäß ausgehändigt. Ging die EDV-Abteilung des Kunden auf Mittagspause, schlich sich einer der Zusteller ins Büro und löschte die Lieferung flugs aus dem Computer. Der Schaden betrug 19 Millionen Schilling, 65 Personen (inklusive Hehler) wurden angezeigt. Die Sanitärfirma mußte eine Spedition mieten, um den Betrieb aufrechterhalten zu können.

Kriminalbeamte kamen dem Fuhrparkleiter eines Lebensmittelkonzerns auf die Schliche. In einem einzigen Jahr waren aus einer Lagerhalle fünf Tonnen Fleisch im Wert von rund drei Millionen Schilling verschwunden. Observationen ergaben, daß der Herr der Fahrzeugflotte jeden Samstag freundlich grüßend ins Lager spazierte, seelenruhig einen Lkw belud und dann zu einer privaten Zustelltour aufbrach. Fahrtziel: ein gutes Dutzend Pizzerien, die sich derart mit gestohlenem Lungenbratl eindeckten.

Ebenso simpel wie effektiv die Methode eines Chauffeurs, der Lieferungen zwischen einem Lebensmittellager in Niederösterreich und Wiener Filialen abzuwickeln hatte. Dessen Trick: Er lieferte zwar die korrekte Menge der bestellten Lebensmittel und ließ sich dies sogar per Unterschrift bestätigen. Aus dem Lager jedoch nahm er dann nicht nur Leerverpackungen mit, sondern auch die gerade erst zugestellten Lebensmittel. In vier Jahren hatte es der Chauffeur bei einem Verdienst von 12.000 Schilling auf drei Sparbücher im Wert von vier Millionen gebracht.

Großer Coup. „Mit konventioneller Diebstahlssicherung ist man beim Personal machtlos“, versichert auch Peter Karasek, Geschäftsführer des Autozubehörhändlers Forstinger, aus jüngster Erfahrung.

Vor einigen Monaten war Karasek zu Ohren gekommen, daß Autozubehörartikel des Händlers Forstinger an nicht näher bekannten Orten Wiens zum halben Preis angeboten wurden. Karasek engagierte die St. Pöltner Detektei Adacta, deren Privatschnüffler sich im Februar 1998 bei einer Forstinger-Filiale im dritten Bezirk auf die Lauer legten.

„Anschließend“, so Karasek, „konnten wir zum großen Coup ausholen.“ Diesem lag folgender von den Detektiven ermittelte Sachverhalt zugrunde: Ein 25jähriger Lagerarbeiter lud regelmäßig Radios, CD-Wechsler und Autoersatzteile aus einem Einkaufswagerl in einen Opel Kadett und fuhr damit zu einer kleinen Firma, in der sein Cousin arbeitete. Der übernahm das Diebsgut und verkaufte es im Kollegenkreis um 50 Prozent des Ladenpreises weiter.

Ausgestattet mit diesem Basiswissen, gaben sich die St. Pöltner Detektive selbst als Kaufinteressenten aus und bestellten eine Skibox, Ladenpreis knapp 3000 Schilling. Zum ausgemachten Übergabetermin erschien freilich die Kripo. Die bei der späteren Hausdurchsuchung in der Wohnung des Lagerarbeiters gefundene Forstinger-Ware konnte nur im Lkw abtransportiert werden. In einem dreiviertel Jahr soll der diebische Mitarbeiter seinen Arbeitgeber um rund 500.000 Schilling geschädigt haben.

Fatale Lücken. Karasek schätzt den organisierten Warenschwund bei Forstinger auf jährlich schwindelerregende 50 Millionen Schilling. Die Inventurdifferenz betrage derzeit etwa drei Prozent des Umsatzes. Eine Größenordnung, bei der es – angesichts einer durchschnittlichen Ertragsspanne im Einzelhandel von gerade 2,5 Prozent – bereits ans Eingemachte gehen kann.

Schuld daran seien, meint Wifi-Experte Kojan, „fast immer Organisationsmängel und Kontrollücken“. So konnte sich der 46jährige Wilhelm T., beschäftigt bei einem Kärntner Geldtransportunternehmen, locker mit 5,6 Millionen aus dem Staub machen. Als er im heurigen Februar ausgeforscht wurde, gab er reumütig zu Protokoll: „Es war halt so leicht.“

In einem Wiener Supermarkt durfte eine zwölfmal wegen Scheckbetruges vorbestrafte Frau ausgerechnet an der Kassa Dienst versehen – erst als sie wegen Gelddiebstahls auffiel, bemerkte die Personalabteilung, daß man auf die Einforderung eines Vorstrafenregisters vergessen hatte.

„Je straffer ein Betrieb organisiert ist und je besser die Bereiche eines Unternehmens unter Kontrolle sind“, sagt Kojan, „desto weniger Chance haben die Täter“ (siehe Kasten „Diebisches Personal“, Seite 212). Andernfalls kommt es mitunter erst spät zu unvermuteten Erkenntnissen. So läutete im Fall jener organisiert stehlenden Mitarbeiter der Döblinger Sanitärfirma mehrere Wochen nachdem der Fall bereits abgeschlossen schien, bei einem Kriminalbeamten das Telefon. Eine Frau gab an, soeben im Keller ihres Hauses ein umfangreiches Warenlager entdeckt zu haben. Die Kripo kam, sah und fand Gegenstände im Wert von rund 400.000 Schilling – der Beutebunker des Fuhrparkleiters. Motiv der Frau für den heißen Zund: Sie wollte sich von ihrem Mann scheiden lassen.

 

Diebisches Personal

Mit welchen Tricks Angestellte ihre Arbeitgeber beklauen.

  • Ein Kassier täuscht, nachdem er die Ware bereits boniert hat, einen Technikfehler an der Kassa vor, storniert dann die verkaufte Ware und stiehlt den Kaufpreis – wodurch der Kassenstand stimmt.
  • Angestellte unterschlagen Flaschenbons oder beschädigen Produkte absichtlich, um sie billiger zu kaufen. Aus Speditionen sind Fälle bekannt, bei denen Fahrer Mautgeld erhielten, die Mautstellen aber umfuhren und die Gebühren selbst einsteckten.
  • Lagerarbeiter und Zusteller machen gemeinsame Sache, indem sie systematisch Waren abzweigen und an Gastronomiebetriebe, Häuselbauer oder Hehler weiterverkaufen.
  • Lieferanten bringen übriggebliebene Ware – etwa Milch- oder Bäckereiprodukte – nicht in den Betrieb zurück, sondern unternehmen private Zustelltouren zu Lokalen.
  • In Möbelhäusern gilt als günstige Klau-Gelegenheit jene Zeit, in der zwar schon Geschäftsschluß ist, die Kunden aber noch Waren abholen können. Wenn bei der Selbstabholung eigenartigerweise ein paar Teile fehlen, hatten mitunter Angestellte die Finger im Spiel.

Was gegen Mitarbeiterdiebstahl hilft.

  •  Information: Experten empfehlen, sich routinemäßig und soweit zulässig über Vorstrafen, Schuldenstände und das Vorleben neuer Angestellter zu informieren.
  • Organisation: Straffe Betriebsvorschriften und deren Kontrolle vermindern die Möglichkeit, Sicherheitsbestimmungen umgehen zu können. Fachleute raten auch, Auffälligkeiten wie Schwund im Lager, fehlendes Bargeld oder dezimierte Werkzeugbestände zentral zu erfassen, um frühzeitig auf verdächtige Vorgänge reagieren zu können.
  • Motivation: Durch Lob, Übertragung von Verantwortung und intensive Einbindung der Mitarbeiter in innerbetriebliche Abläufe wird eine Bindung ans Unternehmen bewirkt. Wer sich mit der Firma identifiziert, hat weniger Interesse, sie finanziell zu schädigen.
  • Prävention: Ab Mai 1998 führt das Wifi, beginnend in der Steiermark, erstmals Schulungen zum Thema Diebstahlsprävention durch. Info beim Wifi Graz unter 0316/60 27 97.

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