Saison der Langfinger

Michael BERGER – 12.11.2011 – kurier.at |


Ladendiebe: Waren um 800 Millionen Euro werden pro Jahr gestohlen. Ein Drittel davon im Weihnachtsgeschäft. Der Handel rüstet auf

Der Handel rüstet gegen Ladendiebe auf. Denn die Langfinger warten schon auf die ertragreichen Einkaufssamstage im Advent. Dichtes Gedränge in den Geschäften, hektisches Treiben bei den Verkäufern. Ideale Bedingungen für Beutezüge.

Waren im Wert von 800 Millionen Euro – etwa die Hälfte des heimischen Verteidigungsbudgets – werden jedes Jahr gestohlen. Knapp ein Drittel davon im Weihnachtsgeschäft.

Jurist Roman Seeliger, Sprecher der Sektion Handel in der Wirtschaftskammer erklärt die Problematik: „Den typischen Ladendieb gibt es leider nicht. Die nette Omi klaut genauso wie der Bankdirektor, ein rumänischer Tourist oder ein Schulkind.“

Bandenkriminalität. Gestiegen ist auch die organisierte Bandenkriminalität. Das Zusammenspiel der Täter gleicht einer Choreografie. Etwa bei der Weitergabe und dem unbemerkten Abtransport der Beute. Diese professionellen Täter sind bestens geschult.

Dagegen helfen nur gut ausgebildetes Personal, Videoüberwachung, elektronische Sicherung der Ware und Kaufhausdetektive.

„Der durch Ladendiebstahl angerichtete Schaden beläuft sich trotzdem bei vielen Einzelhändlern auf bis zu 1,5 Prozent des Jahresumsatzes“, rechnet Fritz Aichinger, Bundesobmann der Sparte Handel in der Wirtschaftskammer vor.

Auch Tricks und Ausrüstung der Kriminellen werden immer ausgefuchster. Sogar elektronische Störsender, um die Warensicherung lahmzulegen, wurden bereits sichergestellt. Da gehört die mit Alufolie ausgelegte Diebestasche (damit die Warensicherung beim Verlassen des Geschäftes nicht auslöst) eigentlich schon zum „Alten Eisen“.

Neu allerdings ist der Trend, dass so gut wie jede Ware gestohlen wird. Gingen Diebe vor wenigen Jahren noch ein hohes Risiko für hochpreisige Produkte ein, wird mittlerweile gestohlen, was nicht niet- und nagelfest ist. Auch das Personal bestiehlt immer häufiger den eigenen Arbeitgeber (Grafik).
Für Aufsehen sorgte ein Fall in Graz. In einem Elektronik-Großmarkt wurde ein Kaufhausdetektiv zum Ladendieb. Er klaute 12 iPods und 177 Computerspiele. Als Motiv gab er Geldnot an. Donnerstag wurde der Mann zu einer Geldstrafe und bedingter Haft verurteilt.


Gefragt

„Angst habe ich nie, aber immer Respekt“, Barbara K., 39, ist Österreichs längstdienende Kaufhausdetektivin.

Seit 19 Jahren taucht sie im Kundengewühl unter und observiert Verdächtige. Aktuell jagt sie Ladendiebe beim Billa am Praterstern. Die Frau mit den glasklaren Augen kennt viele Tricks und lernt trotzdem jedes Jahr dazu. Im KURIER-Interview will sie unerkannt bleiben – Anonymität gehört um Job.

KURIER: Sie waren in Einkaufsketten, Shoppingtempeln und Supermärkten tätig. Haben Sie mitgezählt, wie viele Ladendiebe Sie bereits überführt haben?
Barbara K.: Es waren einige Tausend. Bei 200 ‚Treffern‘ hab ich aufgehört zu zählen. Das ist schon lange her.

Haben Sie eine besondere Stärke?
Vielleicht, dass ich eine Frau bin. Denn Täter rechnen eher mit Kaufhausdetektiven. Parallel dazu hilft mir die Erfahrung. Potenzielle Ladendiebe kann man schon beim Betreten des Geschäftes erkennen.

Sie sind sogar Ihren Kripo­Kollegen ein Begriff. Das ist eher selten ..
Das kommt wahrscheinlich aus der Saison ’08/ ’09. Da hatte ich so etwas wie einen Lauf. Damals konnte ich vor allem in Geschäften der Wiener City knapp 200 Taschendiebe überführen.

Sie sind eher kleinerer Statur. Bekommt man es bei einer Anhaltung eines potenziellen Ladendiebes da nicht mit der Angst zu tun?

Angst habe ich nie, aber immer Respekt. Man weiß nie, wie die Reaktion sein wird. Ich rechne jedes Mal mit einem Angriff. Außerdem bin ich in Judo ausgebildet. Das kann ich ganz gut.

Wurden Sie im Dienst schon einmal verletzt?
Mehr als ein Mal. Mir wurde bei Handgemengen schon ein Finger gebrochen, und ich erlitt eine schwere Gehirnerschütterung. In der Shopping City hat mich ein amtsbekannter Pensionist beinahe bis zur Bewusstlosigkeit gewürgt. Und dass man gebissen wird, ist beinahe schon alltäglich.

Was hat der aggressive Pensionist gestohlen?
Ein Paar Socken und einen Kamm.

Gibt es neue Tricks der Ladendiebe?
Die Banden arbeiten immer präzisier. Vor allem die Weitergabe der Ware geht sehr schnell. Auch die Ablenkungsmanöver sind sehr professionell. Manche Diebe stehlen auf Bestellung. Egal ob Kleidung, Uhren oder Schmuck.

Wie wird man Privatdetektivin?
Ich wollte unbedingt Polizistin werden.

Gibt es Situationen, wo Sie ein Auge zudrücken würden?
Nein, aber wenn Kinder stehlen, verständige ich die Eltern persönlich. Denn viele Kinder haben dann Angst, nach Hause zu kommen. Ich lasse die Kids nicht alleine nach Hause gehen.

Ihr größter Erfolg?
Das war noch zu Schilling­Zeiten. Damals klaute ein Pärchen Parfüms um über 100.000 Schilling.