Großoffensive gegen Ladendiebe

Großoffensive gegen Ladendiebe

Michael BERGER | Printausgabe vom 23.11.1998 – Kurier |


Jeder 5. Kaufhausdiebstahl passiert im Weihnachtsgeschäft / Handel rüstet mit Detektiven und Kameras auf / 1997 zehn Milliarden S Schaden

Rechtzeitig vor dem ersten Advent-Samstag rüstet sich der Handel in einem noch nicht dagewesenen Ausmaß gegen Ladendiebe. Im Traditions-Kaufhaus Gerngross auf der Wiener Mariahilfer Straße lauern zum Beispiel 15 an den Decken montierte 360 Grad-Kameras, zehn Detektive sind unterwegs. Keine Ecke der Verkaufsfläche bleibt unbeobachtet. Heuer werden sogar der Gastronomiebereich und der U-Bahn Zugang kontrolliert. Gerngross-Geschäftsleiter Michael Giesen erklärt: „Wir überwachen dezent, aber für die Kunden sichtbar.“

In der Shopping-City-Süd bei Wien – mit mehr als 300 Geschäften der größte Einkaufstempel Europas – patrouilliert ein privater Sicherheitsdienst rund um die Uhr durch das rund 300.000 Quadratmeter große Gelände. Die uniformierten Männer und Frauen sind mit Schlagstöcken und Handschellen ausgerüstet. Flüchtende Ladendiebe, warnt Zentrumsleiter Christoph Adamek, haben kaum Chancen: „In allen großen Geschäften lauern Detektive. Zusätzlich ist die visuelle Überwachung vom Feinsten“, bestätigt Adamek. Nachsatz: „Nur Profis können Profis stoppen.“

Waren im Wert von knapp zehn Milliarden S (zwei Prozent des 500 Milliarden-Jahresumsatzes) gingen 1997 bundesweit auf das Konto dreister Langfinger – geschätzte 20 Prozent im Weihnachtsgeschäft.

Diese Entwicklung beschert Detekteien und Sicherheitsdiensten Auftragsrekorde. Einer der Branchenriesen, das Büro Walter Pöchhacker, beschäftigt 30 Kaufhausdetektive: „Wir könnten auch 50 Leute einstellen. Die Branche boomt.“ Laut Kriminalstatistik 1997 gibt es in Österreich keinen Bezirk, in dem nicht organisierte Banden oder professionelle Einzeltäter ihr Unwesen treiben. Trotzdem kamen 1997 nur 25.446 „Diebstähle durch Kunden“ zur Anzeige. Innenministerium und Detektive sprechen von der höchsten Dunkelziffer aller Deliktsparten.

Die „erfolgreichsten“ Ladendiebe sind freilich im „eigenen Lager“, in den Betrieben, zu suchen. Angestellte und Zulieferer gelten als die effektivsten Beutemacher.

Der Obmann des Wiener Handels, Fritz Aichinger, bestätigt: „Österreichweit wird
der hausgemachte Warenschwund auf 30 bis 40 Prozentgeschätzt. Greifen die eigenen Leute in die Kassa oder zweigen sie Waren ab, wird es teuer. Solche Täter kennen die Schwachstellen in ihrem Betrieb.“

Zusätzlich verunsichert die wachsende Gewaltbereitschaft der Diebe Geschäftsleute und Personal. Trotz Kameras, Diebstahlssicherungen, Detektivpräsenz und Sicherheitsbeamten kommt es immer häufiger zu folgenschweren Auseinandersetzungen. Pöchhacker: „Mit den Banden nimmt auch die Gewalt zu. Viele Täter kämpfen sich den Fluchtweg frei.“ Die Detektivin Barbara K., 26, kennt die Praxis seit sechs Jahren. Sie überführte bereits 1500 Ladendiebe. Doch ihr Einsatz forderte Tribut. Die zierliche Frau Detektiv erlitt schon Fingerbrüche, einen Drehbruch im Unterarm, Gehirnerschütterungen, Bißwunden und Blutergüsse.


Im Einkaufstrubel: Vorsicht vor „Taschlzieher“ -Banden

Die Einkaufshektik in der Vorweihnachtszeit bietet auch Trickdieben, vor allem „Taschlziehern“, ideale Bedingungen. Die Exekutive rät besonders in überfüllten Bussen, Straßenbahnen, U­ und S-Bahnen und in stark frequentierten Einkaufszentren und Geschäften zur Voricht. Jeder scheinbar noch so harmlose Kontakt kann ein Ablenkungsmanöver für einen Beutezug sein.
Die Trickkiste scheint unerschöpflich: Jemand kann in einem Regal angeblich die gewünschte Ware nicht erreichen und bittet um „Hilfe“; Kleingeld (fürs Telefonieren) müßte gewechselt werden; es wird um Auskunft nach einer Straße gebeten – und sogar Kinder, die angeblich ihre Mami im Einkaufsgewühl verloren haben, sollen potentielle Opfer ablenken.


Täterprofil: Vom Profidieb bis zum „braven“ Bürger

Den klassischen Ladendieb gibt es nicht: Laut Kriminalstatistik 1997 stehlen Diplomatensöhne oder betuchte, ältere Damen ebenso wie Arbeiter, Angestellte, Hausfrauen, Beamte, Schüler, Ausländer, obdachlose, arbeitslose und drogenabhängige Menschen. Motiv und Vorgangsweise sind milieubedingt.

Die Altersstatistik wird von den 14-bis 16jährigen Tätern angeführt, gefolgt von der Gruppe der 20- bis 25jährigen. Knapp dahinter rangieren die 40- bis 45jährigen.

In der Nationenwertung hat sich in den vergangenen acht Jahren ein Wandel vollzogen. Gingen 1990 noch annähernd 50 Prozent der Ladendiebstähle auf das Konto·ausländischer Täter (Ostöffnung), verringerte sich dieser Prozentsatz 1997 auf 38 Prozent. Die Schadenssumme durch ausländische Diebe ist jedoch gestiegen (organisierte Banden).

Männer stehlen häufiger als Frauen. Das Verhältnis bewegt sich im Bereich drei zu zwei. In der Beutestatistik stehen Textilien, Schmuck, Parfümerie-Artikel und CDs an der Spitze, gefolgt von Spirituosen, Videokameras, Handies und Schuhen.

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